Gdynia, Hafenstadt an der Ostsee, 1924 noch ein Fischerdorf mit 1.500 Einwohnern, dann Bau des polnischen Hafens und heute 250.000 Einwohner.

Unsere Tochter soll etwas ordentliches lernen - einen sicheren Beruf. Wieviele Eltern erzählen dies ihren Kindern? So begann Celina Muza auf Papas Wunsch ein Wirtschaftsstudium in Sopot. Fernab von Papas Kontrolle sang sie Abend für Abend in Studentenwirtschaften und Jazzclubs bewaffnet mit der Gitarre. Hier wurde sie angesprochen, ob sie nicht mehr aus ihrem Talent machen wollte und wurde überredet zur Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule des Teatr Muzyczny in Gdynia, daß älteste und renomierteste Musicaltheater Polens.


Celina Muzas Tagesablauf im Vocal-Acting Studio in Gdynia 1985 bis 1989:
7 Uhr Die Concierge Genia weckt alle Studenten des Dom Aktora.
7 Uhr 30  Frühstück in der Bar Mleczny "S³oneczko"
8 Uhr Jazz-Dance / Steptanz Bewegung macht müde Glieder munter
10 - 14 Uhr Probe zur neuen Inszenierung des Theaters
14.30 - 18 Uhr Schauspiel- und Gesangsunterricht
18 Uhr 15 Alle müssen in der Garderobe sitzen, um sich für die Abendvorstellung vorzubereiten
19 Uhr Immer noch munter beginnen wir "Anatevka"
22 Uhr 20  Schlußapplaus, schnelles Abschminken und Flucht zum Dom Aktora
22 Uhr 35  Ankunft Dom Aktora, die Party kann beginnen
?????  Schlafen 
7 Uhr Genia weckt die Studenten

           
Und dies 4 Jahre lang von Dienstag bis Samstag. Sonntags unterrichtsfrei, dafür aber abends Vorstellung. Montags keine Vorstellung, dafür aber 10 Stunden Unterricht. Es lebe die Disziplin!


Der erste Satz im 1. Studienjahr im 1. Stück: 
"Proszê Pani, przyszed³ Pan Wikary. Mo¿na prosiæ ?" (My fair Lady)


In den Jahren an dem Celina Muza am Musiktheater Gdynia studierte und arbeitete hieß der Intendant Jerzy Gruza. Gruza wurde bekannt als der Fernsehregisseur der Siebziger Jahre, der einige Kult-Serien geschaffen hat, die bis heute im polnischen Fernsehen zu sehen sind und wunderbare 
Satiren sind auf die Zeit des "sozialisitischen Aufschwungs" unter Edward Gierek. Als er Anfang der Achtziger Jahre das Musiktheater übernahm, brachte er die polnische Uraufführung von "Anatevka" heraus, welche bis heute an diesem Theater gespielt wird. Auch Celina Muza trat hier immer wieder in kleinen Rollen schon zur Zeit ihres Studiums auf. Eine der Höhepunkte war die Uraufführung von "Les Miserables" in Co-Produktion mit Cameron McIntosh. 

In dieser Zeit entstand auch eine der interessantesten musikalischen Arbeiten von Celina Muza. Sie spielte unter der Regie von Gruza die Maria Magdalena in "Jesus Christ Superstar". Für diese Arbeit holte Gruza die äußerst populäre Hard-Rock-Band "TSA" an das Theater und der Lead-Sänger der Gruppe Marek Piekarczyk sang die Rolle des Jesus. 

Aus dem Repertoire von "TSA" entstand Jahre später der Song "Paris at night" 
auf der CD "Madonna, Hexe und Clown" von Celina Muza. 

Gruza machte es in dieser Zeit möglich, daß das Theater auf Tourneen ins Ausland gehen 
konnte. So spielte Celina Muza in "Die Lieder aus Lemberg" am Broadway und in weiteren
Städten der USA und Kanada. Mit "Jesus Christ Superstar" hatte sie das nicht zu wiederholende Erlebnis in Wilna vor 15.000 Menschen in einer Sporthalle zu spielen.


 Den ersten Kontakt zur deutschen Kultur brachte ein junger Mann aus Deutschland,  der wie ein Außerirdischer im gleichen Studienjahr an der Schauspielschule auftauchte und mit Celina Muza den Studiengang abschloß. Andre Hübner-Ochodlo arbeitet bis heute mit seinem Teatr Atelier in Sopot. Damals baute er das Teatr Atelier gemeinsam mit einigen Studenten der Schule auf. Seine Idee ist es bis heute vor allem neue deutschsprachige Stücke in Polen zur Erstaufführung zu bringen. So spielte Celina Muza die erste Ophelia der Hamletmaschine von Heiner Müller in Polen unter der Regie von Andre Hübner.


1991 suchte Celina Muza neue Herausforderungen im dramatischen Fach fernab vom Musical und wurde ans Stadttheater Gdynia engagiert, wo es zur Zusammenarbeit mit der großen polnischen Theaterlegende Adam Hanuszkiewicz kam. Hanuszkiewicz nutzte die private Situation von Celina Muza (sie war bereits bei Beginn der Proben mit ihrer heute achtjährigen Tochter Marta im 4. Monat schwanger), um eine Vorstellung zu schaffen, die wahrscheinlich so nie wiederholbar sein wird. Pan Tadeusz von Adam Mickiewicz mit Celina Muza in der wunderbaren Rolle der Hofmeisterin, die sämtliche Texte des Nationalpoem sprechen muß, die keiner Rolle des Poems zuzuordnen sind und nur in der Fassung von Hanuszkiewicz erscheint. 

 

Jerzy Gruza
Geboren 1932, Regisseur für Film, Fernsehen und Theater. Abschluß an der berühmten Filmhochschule in £ód¿ 1956. Wichtigste Filme fürs Fernsehen: Wojna domowa (1965, 1966), Czterdziestolatek (1974 - 1977). Zahlreiche Verfilmungen von Theaterstücken fürs Fernsehen. In den Achtziger Jahren bis Anfang der Neunziger Intendant des Musiktheaters Gdynia. Heute Nachtclubbesitzer in Warschau.

Andre Hübner-Ochodlo
Geboren 1963 in Plauen, Student des ersten Jahrgangs für "Angewandte Theaterwissenschaft" in Gießen unter Prof. Andrzej Wirth. Absolvent des Vokal-Acting-Studios Gdynia. Gründer und Leiter des Teatr Atelier in Sopot. Hier u. a. inszenierte er die polnischen Uraufführungen der Hamletmaschine und Quartett von Heiner Müller, Jubiläum von George Tabori oder Dämonen von Lars Noren. Außerdem ist er heute einer der wichtigsten Interpreten von jiddischen Liedern in Polen. Seine Programme sind in zahlreichen Ländern bereits gezeigt worden.

Adam Hanuszkiewicz
Geboren 1924, zunächst Schauspieler, dann Regisseur und Intendant seit 1969 des polnischen Nationaltheaters. Er ist der polnische Regisseur, der die meisten Kontroversen aufgrund seiner Inszenierungen auslöste, der konsequent zeitgemäße Lesarten und Theaterformen für die polnischen Klassiker sucht und damit vor allem und das bis heute beim jugendlichen Publikum großen Erfolg hat. Elemente seiner Inszenierungen sind zu Kulturgut geworden und man muß nur ein Stichwort von "Goplana fahrend auf einer Honda" geben und jeder Pole weiß es handelt sich um: Hanuszkiewicz 

 


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