Welt am Sonntag, 7. November 1999
Muza läßt am Kudamm rote Rosen regnen

...Mauern, mitunter, sind furchtbar. Doch (und das ist das Gute) man kann sie einreißen gar: alles steinharte lässt sich zertrümmern. Unangreifbar aber scheint, was an Mauern, Grenzen, Abgründen im Kopf festsitzt. Gegen die Macht des Imaginären hilft indes eine zarte Waffe gleichen Kalibers: Musik... Celina Muza singt. Nein, zelebriert: Lieder, die kein Deutscher kennt. Polnische Chansons.
   Seltsam. Wie entschieden man immer noch ausblendet, was so nah, jenseits der Oder, liegt. Vertraute Landschaft, zugegeben. Doch die Menschen auf eine Weise fremd, dass wenige Lust haben, sie kennenzulernen. Man hört nur: Wer sich hinwagt, dem wird postwendend das Auto geklaut, unterm Hintern weg, es gibt Zeugen. Polen erscheint als Revier schnauzbärtiger Ganoven. Als unheimliches Gebiet. 
   Daher also kommt sie. Celina Muza, die Schauspielerin und Chansonette. Genauer: aus Puck alias Putzig, bei Danzig. Ein Städtchen an der Ostsee mental weiter weg als Havanna. Und Heimat der Kaschuben - wie Großvater Leon einer war. "Der hat", sagt sie, "immer behauptet er sei Deutscher. Uns genervt mit diesen Liedern, die kein Pole kennt." So ist das eben.
   Celina Muza lebt in Berlin-Moabit, mit Töchterchen Marta und Ehemann Andreas Visser. Der leitet heute in Stargard bei Stettin eine Buchbinderei mit 300 Frauen, was aber wieder eine andere Geschichte ist. Kennengelernt haben sich die beiden in Menden, Sauerland: bei einem Studententheaterfestival, 1990, am ersten Abend gleich. Er war Organisator, betreute die verrückten Polen, die per Klapperbus aus Sopot (Zoppot) angereist waren, um "Ein Traum vom Leben" (so ihr Stück) vorzuzeigen.
  Celina, erstmals in Westen, wunderte sich "über die kleinen Häuschen, gepflegt bis zum geht nicht mehr". Man feiert, man durchquatscht (whiskey-veredelt) die Nächte, gerät unversehens ins Flüstern. Die Betreuung wird spezifisch - und bald in Liebe umbenannt. Bei der Verwandtschaft:
kollektives Kopfgeschüttel. Als das erlahmt, wird im Herbst '91 Hochzeit gefeiert. "Meine Mutter kam per Bus aus Polen", sagt Celina. "Mit Quark in der Tasche. Für den Käsekuchen."
   Ein Familienleben zu installieren, zwischen Menden, Danzig, Warschau (Celina spielt dort Theater), das schlaucht, zumal mit Kind. Was liegt also auf halber Strecke, was bietet sich an? Berlin.
   Die Polin bewirbt sich 1994 im Theater des Westens für das Musical "Cyrano". Ihre Stimme ist phänomenal, sie wird engagiert. Doch das bleibt ein Ausflug. Es hält sie nichts. Die Künstlerin will sich nicht einfügen, nicht kommandieren lassen.
   Also Soloprogramme, sorgsam inszeniert. Nachdem sie schon 1993 im polnischen Gdynia (Gdingen) mit Marlene Dietrich-Songs begeisterte, probiert sie's 1996 auch hier. Man jubelt. Seither ist Celina Muza (verhalten strahlend, melancholisch, pathetisch) Berlins "Einsamer Engel". In polnischer Version.
   "Madonna, Hexe und Clown" heißt dann 1998 die erste CD. "An der Biegung", "Tanz mit dem Wahnsinn", "Wie die Rose,so der Dorn" - Klassiker im Nachbarland. Wer ihnen lauscht, wird überrascht: wie gut man, im Herzen, versteht. Celina: "Es ist nur die Sprache, die uns trennt. Die Polen sind Träumer, absolute Romantiker. Das sind die Deutschen doch schließlich auch." So macht die Musik offenbar, wie spukhaft der Abgrund, 
wie nah sich die Völker sind. Wenn sie's denn wüssten...
Nikolaus Kross
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